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PRESSE |
Wege aus dem Niemandsland
Neuer Verein nimmt sich der
Grenzgänger Problematik an / Heute Gründungsversammlung in Kehl
Ob nun im Gesundheitswesen, beim Wahlrecht
oder der Ruhestandsregelung: Lang ist die Liste von Problemen, mit denen
französische Staatsbürger, die in Deutschland leben, konfrontiert werden
können. Um sich in dieser Sache mehr Gehör verschaffen zu können, wird
heute, Freitag, in Kehl der Verein »Staatsbürger im Grenzgebiet«
gegründet.
VON GABRIELE LEBER
Kehl. Dass sie sich rein rechtlich
gesehen in einem Niemandsland befinden, diese Erfahrung machen Geneviève
Manns, Monique Schneider und Janine Söhnel in schöner Regelmäßigkeit. Seit
Jahren leben sie in der Ortenau, geboren sind sie jedoch in Frankreich.
»Es gibt alle möglichen Schwierigkeiten in den verschiedensten
Verwaltungsbereichen. Unsere besondere Situation wird von Gesetzen und
Vorschriften nicht berücksichtigt«, bringt Janine Söhnel die Situation auf
den Punkt. Um sich hier mehr Gehör verschaffen zu können, gründen sie
gemeinsam mit acht weiteren Mitstreitern am heutigen Freitag in Kehl einen
gemeinnützigen Verein. »Gerade im Hinblick auf den Eurodistrikt wollen wir
daran arbeiten, dass soziale Aspekte nicht unter den Tisch fallen«,
verdeutlicht Monique Schneider.
Lang ist die Liste von Unannehmlichkeiten,
mit denen französische Staatsangehörige, die in Deutschland leben,
konfrontiert werden können. Wer etwa an der Wahl des französischen
Staatspräsidenten teilnehmen möchte, muss nach Stuttgart zum Konsulat
fahren. Gleiches gilt, wenn die Erneuerung des Personalauswei-ses oder
Reisepasses ansteht.
Schutz geht verloren
Problematisch wird es aber vor allem, wenn
die französischen Staatsangehörigen zwar in Deutschland ihren Wohnsitz
haben, jedoch auf der anderen Rheinseite arbeiten.
So stehen einige der Mitglieder des neuen Vereins kurz vor der Rente. »Mit
dem Eintritt in den Ruhestand verlieren sie den Schutz des französischen
Sozialsystems, obwohl sie ihr ganzes Arbeitsleben lang in die französische
Sozialversicherung einbezahlt haben«, erklärt Geneviève Manns. Die
Betroffenen haben also zum Beispiel keine Möglichkeit mehr, sich in
Frankreich ärztlich behandeln zu lassen.
Gut überlegt sein will auch die spätere
Rückkehr nach Frankreich. Monique Schneider: »Viele Rechte gehen damit
verloren, zum Beispiel die Pflegeversicherung.«
Aber auch in jungen Jahren gibt es zahlreiche
Fallstricke. »Die Steuersituation ist sehr kompliziert«, sagt Monique
Schneider.
Auch erzählt sie von einer jungen Frau, die
in Frankreich arbeitet, schwanger ist. »Was das Mutter-schaftsgeld
anbelangt, fühlen sich weder Frankreich noch Deutschland für sie
zuständig«, bringt sie das Dilemma auf den Punkt. Ähnlich erging es einem
Franzosen, der in Kehl lebt, sowohl in Deutschland als auch Frankreich
arbeitete. »Als er arbeitslos wurde, war wieder keiner zuständig«, so
Geneviève Manns.
Um auf die Problematik aufmerksam zu machen,
wurde bereits Kontakt mit Behörden, Einrichtungen und politischen
Vertretern aufgenommen. Die »interessanteste Antwort« (Janine Söhnel) kam
aus Brüssel und zwar was den Punkt Gesundheitswesen anbelangt. »Das
Europäische Parlament hat eine Reihe von Verbesserungen vorgeschlagen, die
Ihre Situation betreffen«, heißt es in einem Schreiben der Kommission.
Konkret ist daran gedacht, dass Ruheständler, die die letzten fünf Jahre
vor ihrem Ruhestand einer bezahlten Arbeit nachgegangen sind oder als
Selbstständige mindestens zwei Jahre als Grenzgänger tätig waren, ihre
medizinischen Leistungen weiterhin in dem Mitgliedsstaat erhalten können,
in dem sie als Grenzgänger tätig waren.
Abgeordnete anschreiben
Eng zusammenarbeiten will der neue Verein
Arbeitstitel »Staatsbürger im Grenzgebiet« mit der »Association des
Frontaliers D'Alsace-Lorraine«, die sich um französische Grenzgänger
(Wohnort Frankreich Arbeitsplatz in Deutschland) kümmert. Nach der Europa
Wahl die Abgeordneten anzuschreiben, auch das steht auf der Vereins
Agenda.
Dass sie einen langen Atem brauchen werden,
dessen sind sich die Gründungsmitglieder bewusst. »Diese grundsätzlichen
Probleme zu lösen. ist schwer«, bringt es Geneviève Manns auf den Punkt.
Entmutigen lassen wollen sie sich davon aber nicht. Monique Schneider: »Es
muss ein Abkommen geben, damit das Leben für die Grenzgänger einfacher
ist, sie nicht so benachteiligt werden.« ©
Kehler Zeitung, 11. Juni 2004 |