Grenzgänger im Paragrafen-Dschungel
Verein »Staatsbürger/innen im Grenzgebiet« will
unsichtbare Grenzen abbauen - auch die in den Köpfen
VON GEORG RENÖCKL
Unter unsichtbaren Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland leiden vor
allem Grenzgänger. Vor allem unterschiedliche Sozialsysteme und
bürokratische Hürden bereiten noch immer Schwierigkeiten.
Seit Oktober kümmert sich der Verein
»Staatsbürger/innen im Grenzgebiet« um die Anliegen von Grenzgängern. Am
5. April findet die Hauptversammlung statt. Beginn ist um 19 Uhr im Kehler
Rehfußgebände (Infobest). Mit der KEHLER ZEITUNG sprachen die Präsidentin
des Vereins, Monique Schneider, und Vizepräsidentin Monique Geggus.
- Was ist denn so schlimm daran,
gelegentlich nach Stuttgart zufahren?
GEGGUS: Wir müssen diese Fahrt für
jeden Ausweis machen, der verlängert werden muss oder gestohlen wurde das
ist einfach umständlich.
SCHNEIDER: Es gibt zwar in Freiburg
einmal im Monat einen Bereitschaftsdienst, aber dort muss man monatelang
auf einen Termin und auf Papiere warten - will man eine Reise machen, ist
das oft zu knapp. Es wäre für uns natürlich viel einfacher, direkt nach
Straßburg zu fahren, auch für die Präsidentenwahlen.
- Was sind denn die größten Probleme,
mit denen Sie als Grenzgängerinnen zu kämpfen haben?
SCHNEIDER: Abgesehen von Papieren und
Wahlen sind das vor allem die unterschiedlichen Sozialsysteme. Solange wir
in Frankreich arbeiten, können wir dort auch zum Arzt gehen. Sobald wir
arbeitslos werden oder in Rente gehen, wird die Versicherungskarte
eingezogen.
GEGGUS: Wir haben also jahrelang
unsere Ärzte, und da dürfen wir dann plötzlich nicht mehr hin, sondern
müssen wir uns in Deutschland neue suchen.
- War das der Anlass für die Gründung
des Vereins?
GEGGUS: Am Anfang schon, da ist es
einer Freundin so ergangen. Aber dann haben wir festgestellt, dass wir
noch mehr wichtige Probleme haben. Ich war zum Beispiel selbst einmal
arbeitslos und habe ein Jahr lang keine Unterstützung bekommen, weil es da
eine Lücke in der Gesetzgebung gibt.
- Im deutsch-niederländischen
Grenzgebiet gibt es flexiblere Lösungen. Warum
nicht hier?
GEGGUS: Offenbar gibt es zwischen
Straßburg und Kehl Ressentiments aus historisehen Gründen. Die Grenze
bleibt einfach die Grenze, das habe ich auf beiden Seiten auch sehr oft
gespürt.
SCHNEIDER: Zwischen den Politikern
gibt es auch Schwierigkeiten. Oft ist das so ein Kleinkrieg, der auf
unserem Rücken ausgetragen wird.
- Was machen Sie, wenn sich jemand mit
einem Problem an Sie wendet?
SCHNEIDER: Wir sind selbst keine
Experten und auch kein Informationsbüro, sondern ein Bürgerverein. Das
heißt, wir wollen gemeinsam etwas erreichen. Es ist nicht so, dass wir für
alle Probleme Lösungen haben. Wir sammeln Informationen und haben auch
schon Institutionen entdeckt, von denen kaum jemand weiß, dass es sie
überhaupt gibt.
GEGGUS: Die Probleme der Bürger müssen
von den Bürgern geregelt werden. Wenn man darauf wartet, dass eine
Institution was macht, kann man sehr lange warten.
- Konkurrieren Sie mit anderen
Organisationen?
SCHNEIDER: Im Gegenteil, wir arbeiten
auch mit anderen Institutionen wie der »Association des Frontaliers en
Alsace-Lorraine« und Infobest zusammen. Manche Vereine wie »Forum
Eurodistrikt« haben aber andere Ziele.
GEGGUS: Oft weiß man auch nicht,
welche Aufgaben die haben. Jeder arbeitet in seiner Ecke und es gibt keine
Zusammenarbeit. Und die Frage ist dann: »Wie kann der normale Bürger das
wissen?«
- Ihr Verein besteht seit Oktober
Können Sie eine Zwischenbilanz ziehen?
SCHNEIDER: Wir sind noch bei den
ersten Schritten, haben aber auch schon einiges vorzuweisen. Wir haben
Auskünfte gesammelt, Kontakte geknüpft und Briefe geschrieben - zum
Beispiel an die europäische Kommission, da haben wir auch eine sehr
interessante Antwort bekommen. Auf Antworten von Gesundheitsministerin
Ulla Schmidt und von den französischen Ministern De Villepin und Barnier
warten wir noch.
- Was für Themen stehen bei der
Hauptversammlung am 5. April auf dem Programm?
GEGGUS: Die Arbeitsgruppen
präsentieren, was sie gemacht haben - etwa welche Briefe geschrieben
wurden, welche Kontakte geknüpft sind.
SCHNEIDER: Wir haben auch Experten
eingeladen, die zu verschiedenen Themen sprechen werden wie
Gesundheitsvorsorge und Arbeitslosigkeit.
- Glauben Sie, dass Sie irgendwann
einmal sagen können »Der Verein hat seinen Zweck erfüllt und kann sich
auflösend«?
GEGGUS: Er wird seinen Zweck nie ganz
erfüllt haben! Dazu sind die Probleme zu groß und zu kompliziert.
SCHNEIDER: So pessimistisch bin ich
nicht. Wir werden schon was erreichen, aber das dauert.
GEGGUS: Ganz wichtig ist es ja auch,
dass man sich nicht alleine fühlt, wenn man Probleme hat, sondern
Unterstützung von einer Gruppe bekommt. Woanders bekommt man zwar
Informationen, muss dann aber allein weitermachen.
SCHNEIDER: Es gibt ja die Texte, nur
werden die von den Verantwortlichen oft ignoriert. Und wir zeigen, dass
die Bürger sich informieren und ihre Rechte verteidigen können. Und nur
dann werden wir auch beachtet.
Pendeln
seit über 30 Jahren zwischen Frankreich und Deutschland: Monique Geggus
(l.) und Monique Schneider leiten den Verein Staatsbürger/innen im
Grenzgebiet. Foto: Georg Renöckl
©
Kehler Zeitung, 1. April 2005 |