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PRESSE |
Bürger wollen nicht nochmal 20 Jahre warten, bis was geschieht
Forum Eurodistrikt: Straßburger und Kehler
möchten sich stärker in die Diskussion einbringen
Ist der
Traum eines gemeinsamen Eurodistrikts doch noch nicht ausgeträumt? Nach
dem überwiegend gescheiterten politischen Vorstoß der Städte Kehl und
Straßburg wollen sich nun die Bürger beider Seiten verstärkt in die
Diskussion einbringen und die Realisierung des Projekts Schritt für
Schritt in Eigenverantwortung voranbringen.
Von: Oskar Sala
Kehl.
Beim dritten Forum der »Initiative Eurodistrikt« am Samstag in der Kehler
Stadthalle zeigten deutsche und französische Referenten sowie einige
Besucher exemplarisch auf, welche Hindernisse die Bürger in der Nähe der
innereuropäischen deutsch-französischen Staatsgrenze im Arbeitsalltag und
im Gesundheitswesen zurzeit vorfinden. »Die Überwindung dieser Hürden sind
weiterhin unser Traum und Vision«, sagte der ehemalige Kehler
Bürgermeister Ulrich Mentz, der durch die Veranstaltung führte.
In der Frage des Eurodistrikts fehle es nicht
an gutem Willen, das Problem liege ganz woanders, gab der Kehler
Oberbürgermeister Günter Petry, Schirmherr der Veranstaltung, zu bedenken.
»Hier stoßen wir allerdings an ein Paradoxon: Je durchlässiger die Grenzen
werden, desto sichtbarer werden die Unterschiede und Schwierigkeiten«,
erklärte er weiter.
Die deutsche Wiedervereinigung habe vor Augen
geführt, wie komplex ein solcher Prozess sein kann. In größerem Maße
treffe dies auf das positiv besetzte Eurodistrikt-Projekt zu: »Jeder
findet es gut, aber keiner weiß genau, was es ist«, sagte Petry.
»Keine Institution«
Das bisherige Prinzip der Zusammenarbeit und
Kooperation beider Seiten basierte bisher auf der einstimmigen
Freiwilligkeit der Beteiligten – eine Lösung, die laut Petry auf Dauer
keinen Bestand haben könne. Es gebe bis jetzt, so der Kehler
Oberbürgermeister, keine grenzüberschreitende Institution im Raum
Kehl-Straßburg, die nach Mehrheitsentscheidungen die Probleme löst.
Gründe dafür seien unter anderem die
unterschiedlich historischen und psychologischen Hintergründe sowie
Vorbehalte gegen eine mögliche Konkurrenzsituation. Weiterer Fakt sei,
dass dem Ballungsraum Straßburg auf deutscher Seite ein ländlich
strukturierter Raum gegenüberstehe. »Für mich stärkt man die europäische
Bedeutung des Großraums Kehl-Straßburg jedoch nur dadurch, dass man
grenzüberschreitende verbindliche Regelungen für die Bürgerinnen und
Bürger ins Leben ruft, die ihnen nützen und für den gesamten Eurodistrikt
gelten«, betonte Petry.
Hierzu gehöre zunächst das konkrete
Definieren der Problemfelder und in der Folge die notwendigen Absprachen
institutioneller Art. »Es nützt nichts, wenn man eine romantisch
begründete Vorstellung hat, dass sich etwas entwickeln soll«, führte Petry
aus.
In der Zwischenzeit sei in einigen Bereichen trotz allem einiges erreicht
worden, sagte Rechtsanwalt Jörg Garde, Vizepräsident des Bundes der
Selbständigen Kehl. Neben der Freizügigkeit gebe es in den Feldern des
Steuer-, Sozial-, und Arbeitslosenrechts deutliche Fortschritte.
Dennoch seien die Probleme noch da: »Diese
basieren einerseits auf einem Informationsmangel bei vielen Bürgern,
andererseits sind bei den jeweiligen Länderverwaltungen weiterhin gewisse
protektionistische Züge zu finden.«
Bei der unteren Gesetzgebung seien die Gesetze nicht genügend abgestimmt.
Mögliche Lösungen: Eine Verbesserung der Information und der
Sprachkompetenz bei den Bürgern sowie einheitliche Behörden – etwa ein
grenzüberschreitendes Arbeitsamt – könnten diese Situation künftig nach
und nach verbessern.
Hans-Joachim Hiebsch, Kehler Facharzt,
plädierte in seinem Referat ebenfalls für den dringenden Abbau von
territorialen Hürden im Gesundheitsbereich, die sowohl Patienten als auch
Ärzte zugute kommen könnten.
An dem Forum nahmen Vertreter der
französischen Seite wie Vedric Rosen, Präsident der Association
Frontalières d’Alsace et de Lorraine, sowie Monique Schneider, Vorsitzende
des Vereins Staatsbürger(innen) im Grenzgebiet.
»Bürger sind verlassen«
Viele Bürger, die eine grenzüberschreitende
Existenz führen, fühlen sich in vielen Fragen oft verlassen, lautete hier
der Tenor. »Wir haben gesehen, dass auf der politischen Ebene derzeit
wenig passiert, deshalb sind die Bürger aufgerufen, die Sache
eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen«, sagte hierzu ein Besucher in
der Fragerunde.
In seinem Schlusswort ermutigte Ulrich Mentz die Anwesenden, einen ersten
konkreten Schritt in diese Richtung zu unternehmen. »Wir können keine
Gesetze und Verordnungen erlassen oder gar Entscheidungen fällen, aber wir
können als Bürger – die nicht bereit sind, nochmals 20 Jahre zu warten bis
etwas geschieht – dahin wirken, dass ein Anfang endlich gemacht wird«,
unterstrich der ehemalige Bürgermeister. ©
Kehler Zeitung, 18. April 2005 |